Erwartungen in der Beziehung sind an eine Konsequenz geknüpft, wenn sie nicht erfüllt werden und belasten vor allem dann, wenn sie als Wunsch „verkleidet“ und ohne Konsequenz ausgesprochen werden. Ein Wunsch hingegen lässt dem anderen die freie Wahl, ein Nein ist in Ordnung.
In meiner Coaching-Praxis erlebe ich es regelmäßig: Vielen Menschen fällt es schwer, über das zu sprechen, was ihnen wichtig ist. Das Anliegen bleibt vage. Es wird angedeutet, umschrieben oder gar nicht ausgesprochen.
Oft steckt dahinter eine Verwechslung, die kaum jemand bemerkt: die zwischen Wunsch und Erwartung. Beide Wörter klingen möglicherweise ähnlich. In einer Beziehung wirken sie aber völlig verschieden.
Unterschied zwischen Wunsch und Erwartung
Ein Wunsch ist innerlich frei. Geht er in Erfüllung, ist die Freude da. Geht er nicht in Erfüllung, ist das okay. Es bleibt ohne Konsequenz. Genau das macht einen Wunsch innerlich frei.
Eine Erwartung funktioniert anders. Sie ist an eine Konsequenz geknüpft. Wird sie nicht erfüllt, passiert etwas: Traurigkeit, Ärger oder Rückzug. Manchmal auch eine Entscheidung. Diese Konsequenz ist da, ob sie ausgesprochen wird oder nicht.
Eine Erwartung ist damit im Kern dasselbe wie eine Forderung. Das klingt hart. Dabei muss niemand „Ich erwarte von dir …“ oder „Ich fordere …“ sagen. Das geht natürlich, aber auch ein „Das ist mir wichtig.“ sendet die Botschaft.
Statt einer Erwartung kann auch eine Lernaufgabe folgen. Dann geht es zwar noch um die einzelne Situation, aber um etwas, das der andere noch lernen darf. Auch hier gehört die Konsequenz dazu, für den Fall, dass die Lernaufgabe nicht übernommen oder nicht umgesetzt wird.
- Ein Wunsch: „Ich wünsche mir, dass wir heute Abend zusammen kochen.“ Sagt der andere Nein, weil er müde ist, wird eben allein gekocht. Das ist okay, es folgt nichts daraus.
- Eine Erwartung: „Mir ist wichtig, dass wir den Urlaub dieses Jahr gemeinsam planen. Wenn das wieder nicht klappt, wird mich das traurig machen.“ Hier hängt etwas daran und der andere weiß es vorher.
- Eine Lernaufgabe: „Mir ist wichtig, dass du lernst, mich bei größeren Entscheidungen früh einzubeziehen. Wenn sich daran nichts ändert, macht mich das auf Dauer traurig.“
Entscheidend ist damit weniger die genaue Formulierung. Entscheidend ist, dass die Konsequenz im Falle einer Erwartung, Forderung oder Lernaufgabe mit ausgesprochen wird. Und zwar vorher.
Welche Erwartungen in der Beziehung in Ordnung sind
Manch ein Ratgeber empfiehlt, Erwartungen in der Beziehung loszulassen oder herunterzuschrauben. Meine Erfahrung ist eine andere. Es gibt Erwartungen und sie gehören zu jeder Beziehung dazu.
Ob gerade eine Erwartung im Spiel ist, zeigt eine einfache Frage:
Hat es dann Konsequenzen, wenn sich etwas Bestimmtes nicht verändert? Für mich oder insgesamt?
Lautet die Antwort „Ja“, ist es eine Erwartung. Dann darf sie auch ausgesprochen vorher werden. Wer merkt, dass ihm etwas ganz besonders wichtig ist, darf das sagen.
Das gilt natürlich in beide Richtungen. Auch der andere darf seine Erwartungen benennen. Emma zum Beispiel ist es wichtig, dass ihre Abende mit Freundinnen nicht ständig zur Verhandlungssache werden. Auch das ist eine Erwartung und auch sie hat eine Konsequenz, wenn sie übergangen wird.
Eine Beziehung braucht also nicht weniger Erwartungen. Sie braucht Erwartungen, die erkennbar sind. Dann wissen beide, woran sie sind, und können offen darüber sprechen, was zusammenpasst und was nicht.
Wenn sich eine Erwartung als Wunsch „verkleidet“
In meinen Coachings höre ich oft dieselben Sätze: „Ich wünschte mir …“ oder „Ich würde mir wünschen …“., selten hingegen ein schlichtes „Ich wünsche mir“.
Diese Formulierungen klingen weich. Sie lassen dem anderen scheinbar alle Freiheiten. Gemeint ist aber häufig eine Erwartung, sehr um die Ecke formuliert.
Ein Beispiel mit Emma und Paul, dem Beispielpaar aus meinen Onlinekursen. Paul sagt am Donnerstag: „Ich würde mir wünschen, dass wir am Samstag zu meinen Eltern fahren.“ Emma ist mit einer Freundin verabredet und sagt ab. Paul nickt. Den Rest des Abends ist er still, am Freitag immer noch. Für Emma kommt das aus dem Nichts.
Emma hat einen Wunsch gehört. Gemeint hat Paul aber eine Erwartung. Emma wußte das nicht. Sie hat auf einen Wunsch geantwortet und wurde anschließend mit der Konsequenz einer Erwartung konfrontiert.
Warum Erwartungen so oft unausgesprochen bleiben
Meiner Erfahrung nach hat das einen nachvollziehbaren Grund. Häufig verbinden Menschen eine ausgesprochene Erwartung mit Druck. Sie haben das Gefühl, dem anderen zu drohen, sobald sie eine Konsequenz benennen. Eine klare Erwartung wirkt auf sie hart. Also wird sie verpackt.
Dazu kommen oft Unsicherheit, Sorge oder Angst: die Sorge vor einem Nein, die Unsicherheit, ob das eigene Anliegen berechtigt ist, die Angst vor Streit.
Die Verpackung nimmt den Druck aber nicht heraus. Sie verschiebt ihn nur nach hinten. Die Konsequenz kommt trotzdem unangekündigt. Sie trifft jemanden, dem gegenüber sie nicht offen ausgesprochen wurde und der sich nicht entscheiden konnte.
Wie sich unausgesprochene Erwartungen in der Beziehung auswirken
Eine „verkleidete“ Erwartung wirkt auf mehreren Ebenen. Sie betreffen den anderen, die eigene Person und die Art, wie beide einander wahrnehmen.
Der andere wird ausgeschlossen
In meiner Arbeit spielen die menschlichen Grundbedürfnisse, die Systemgesetze, täglich eine fundamentale Rolle. Werden sie gelebt, tut uns das typischerweise gut. Wir fühlen uns zugehörig, wertgeschätzt, respektiert, anerkannt und gerecht behandelt. Werden sie verletzt oder nicht beachtet, hinterlässt das oft ein schlechtes Gefühl.
Das stärkste Grundbedürfnis ist die Zugehörigkeit. Sie heißt auch: eingebunden sein. In die Gedanken und Gefühle des anderen, dort, wo sie für die Beziehung relevant sind. Wer seine Erwartung samt Konsequenz für sich behält, lässt den anderen außen vor. Im Nicht-Aussprechen liegt ein Ausschluss.
Das zeigt sich oft erst später. Dann nämlich, wenn herauskommt, dass einer längst Klarheit hatte. Zur eigentlichen Sache kommt ein zweites, schlechtes Gefühl dazu: „Du wusstest das die ganze Zeit und hast nichts gesagt?“ Das kann mehr verletzen als die Sache selbst.
Die eigenen Bedürfnisse werden ausgeschlossen
Der Ausschluss wirkt aber nicht nur nach außen. Wer seine Erwartungen immer wieder als Wunsch verpackt, schließt auch sich selbst aus. Die eigenen Bedürfnisse bekommen keinen Platz.
Dahinter kann die Überzeugung liegen, es genau so machen zu können: die eigenen Erwartungen „verkleiden“ und sich selbst zurücknehmen. Das kann eine Weile funktionieren. Erfahrungsgemäß kann es aber auch schnell dazu führen, dass die Beziehung kippt oder sich eine Distanz einstellt. Denn das eigene Gefühl, mit dem Partner verbunden zu sein, wird dabei immer weniger.
Wer solche Verknüpfungen verinnerlicht hat, erlebt eine Pause möglicherweise nicht einfach als Erholung. Sie kann sich anfühlen, als würde dadurch etwas Wichtiges auf dem Spiel stehen. Die Frage kann dann lauten: „Was brauche ich, damit ich mich auch mit meinen Bedürfnissen zugehörig und wertvoll fühlen kann?“ und es kann wertvoll sein, alte familiäre Muster zu durchbrechen.
Die Sicht auf den anderen verändert sich
In meiner Arbeit nutze ich die Interpretationsschleife. Wir nehmen eine Situation durch unsere persönlichen Filter – Stimmungen, Prägungen, frühere Erfahrungen und Erwartungen, wahr. Daraus kann eine Interpretation, entstehen, dann ein Gefühl, anschließend eine Schlussfolgerung und auch ein sich angepasstes Verhalten.
Eine unausgesprochene Erwartung wirkt wie ein Filter, von dem der andere nichts weiß. Paul sieht zum Beispiel nicht: „Sie hat schon etwas vor.“. Er interpretiert für sich: „Meine Familie ist ihr nicht wichtig.“ Daraus entsteht eine Verletzung und aus der Verletzung entsteht Rückzug.
Emma erlebt einen stillen Abend, den sie sich nicht erklären kann. Auch sie beginnt zu interpretieren. So drehen sich zwei Schleifen nebeneinander, und keiner weiß, was im anderen vorgeht. Es lohnt sich also in vielerlei Hinsicht, über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen.
Wünsche und Erwartungen klar aussprechen
Um Wünsche und Erwartungen klar auszusprechen, haben sich in der Praxis vier Schritte bewährt. Sie folgen der Struktur, die ich für Feedback nutze. Das Beispiel vom gemeinsam geplanten Urlaub zeigt, wie das klingen kann.
1. In eine wertschätzende Haltung gehen
Vor dem Gespräch lohnt es sich, innerlich einen Schritt zurückzutreten und innerlich vor die betreffende Situation zu gehen. Mit diesem inneren Zurückgehen fällt es leichter, den anderen wertschätzend zu sehen. Aus dieser Haltung heraus kommt das Gesagte anders an.
2. Konkret aussprechen, worum es geht
Dann wird beschrieben, was passiert ist, ohne Interpretation und ohne Vorwurf: „Die letzten beiden Urlaube waren schon gebucht, als ich davon erfahren habe.“ So ist für beide klar, worüber gesprochen wird.
3. Das eigene Körpergefühl aussprechen
Im dritten Schritt geht es um das eigene Gefühl, so, wie es im Körper spürbar ist: „Das hat mich traurig gemacht.“ oder „Ich war innerlich angespannt. „. Ein Gedanke wie „Du übergehst mich“ ist dagegen eine Interpretation und lädt eher zur Verteidigung ein als zum Zuhören.
4. Wunsch, Erwartung oder Lernaufgabe für die Zukunft aussprechen
Am Ende steht der Blick nach vorn. Dafür braucht es zuerst eigene Klarheit. Wer Feedback gibt, sollte für sich wissen: Was ist es für mich? Habe ich einen Wunsch? Habe ich eine Erwartung? Oder ist es eine Lernaufgabe für den anderen?
Erst mit dieser eigenen Klarheit lässt sich das Anliegen so aussprechen, wie es gemeint ist. Ist es ein Wunsch, darf er leicht bleiben: „Für die Zukunft freue ich mich, wenn wir gemeinsam planen.“ Ein Nein ist dann wirklich in Ordnung.
Hätte die Nichterfüllung eine Konsequenz, wird daraus eine Erwartung, also eine Forderung. Dann gehört die Konsequenz mit dazu: „Mir ist wichtig, dass wir den Urlaub dieses Jahr gemeinsam planen. Wenn das wieder nicht klappt, bin ich traurig.“
So ausgesprochen, liegt hierin keine Drohung. Es ist ein den anderen teilhaben lassen am eigenen Inneren. Eine Drohung will den anderen zu etwas bringen. Eigene Klarheit und eine aus einer wertschätzenden Haltung ausgesprochene Konsequenz macht sichtbar, was ohnehin passieren würde.
Statt einer Forderung bzw. Erwartung kann Teil des Feedbacks auch eine Lernaufgabe für den anderen liegen. Auch sie gehört dazu. Dazu gehört zweierlei: dem anderen zu sagen, was noch gelernt werden darf. Und die Konsequenz auszusprechen, falls die Lernaufgabe nicht übernommen oder nicht umgesetzt wird. Danach liegt die Entscheidung beim anderen.
Wenn der andere trotzdem Nein sagt
Sagt jemand auf eine offen ausgesprochene Erwartung Nein, tritt die natürliche ausgesprochene Konsequenz ein. Das entlastet auf eine Art beide. Niemand wird überrascht. Niemand muss raten. Im nächsten Schritt ist es aber wichtig zu schauen, wie beide damit umgehen.
Bei Emma und Paul könnte das so aussehen. Paul sagt: „Es ist mir sehr wichtig, dass wir am Samstag zu meinen Eltern fahren. Wenn das nicht klappt, bin ich traurig.“ Emma weiß jetzt, worum es geht.
Sie kann ihre Verabredung verschieben. Oder sie bleibt dabei und weiß: Paul wird traurig sein. Seine Stille am Abend kommt dann nicht aus dem Nichts. Sie ist die Konsequenz, die beide kannten und mit der es dann umzugehen gilt.
Dazu gehört für denjenigen, der die Erwartung bzw. Forderung oder Lernaufgabe nicht erfüllt hat, Verantwortung für die Konsequenz zu übernehmen und wiederum für die Zukunft daraus zu lernen. Vielleicht könnte die Lernaufgabe darin liegen, frühzeitig über jeweilige Pläne zu sprechen, so dass eine Abstimmung noch stimmig zwischen beiden möglich ist.
Klarheit ist eine Form von Verbindung
Wunsch und Erwartung für sich zu klären, klingt nach einer sprachlichen Feinheit. In Beziehungen macht es einen großen Unterschied. Wer ausspricht, was ihm wichtig ist, lässt den anderen dazugehören. Dazu kommen zwei weitere Grundbedürfnisse (Systemgesetze): Anerkennung, Wertschätzung und Respekt – und aussprechen, was ist. Beides gilt sich selbst und dem anderen gegenüber. Eine klar ausgesprochene Erwartung ist also auch eine Form, den anderen einzubinden und wertschätzend miteinander umzugehen.
Das braucht etwas Mut, gerade am Anfang. Und oft ist es genau diese Klarheit, die Druck aus einer Beziehung nimmt.
Die Klarheit ist da, nur die passenden Worte fehlen dir noch? Genau darum geht es im Onlinekurs „Sag’s mit Liebe“: Wünsche und Erwartungen so auszusprechen, dass sie ankommen – respektvoll und ohne Druck. Vielleicht ist der Kurs der passende Schritt. In deinem Tempo oder mit meiner Unterstützung.
Was du für dich mitnehmen kannst
Ein Wunsch ist frei, eine Erwartung hat eine Konsequenz. Erwartungen in der Beziehung sind in Ordnung – wenn sie als Erwartung erkennbar sind. Die Konsequenz gehört vorher dazu, als ehrliche Information – bei einer Erwartung genauso wie bei einer Lernaufgabe. So bleibt niemand ausgeschlossen: weder der andere noch die eigenen Bedürfnisse.
FAQ
- Was ist der Unterschied zwischen Wunsch und Erwartung? Ein Wunsch ist frei: Wird er nicht erfüllt, ist das okay, und es folgt nichts daraus. Eine Erwartung ist an eine Konsequenz geknüpft. Wird sie nicht erfüllt, entsteht zum Beispiel Traurigkeit, Ärger oder Rückzug. Im Kern ist eine Erwartung dasselbe wie eine Forderung – sie muss aber nicht hart formuliert sein.
- Welche Erwartungen darf man in einer Beziehung haben? Erwartungen gehören zu jeder Beziehung. Eine Prüffrage hilft: Hat es Konsequenzen, wenn sich etwas Bestimmtes nicht verändert? Dann ist es eine Erwartung, und sie darf ausgesprochen werden – in beide Richtungen. Wichtig ist, die Konsequenz vorher mitzunennen, damit der andere sich bewusst entscheiden kann.
- Was passiert, wenn eine Erwartung nicht erfüllt wird? Wurde die Erwartung samt Konsequenz offen ausgesprochen, tritt die Konsequenz ein. Das ist für beide nachvollziehbar, und danach lässt sich klären, wie es weitergeht. Bleibt die Erwartung dagegen „verkleidet“, trifft die Konsequenz den anderen unvorbereitet – und er fühlt sich ausgeschlossen.
Die drei wichtigsten Aspekte
- Eine Erwartung ist eine Forderung, ein Wunsch ist frei. Die Konsequenz einer Erwartung wirkt, ob sie ausgesprochen wird oder nicht.
- Im Nicht-Aussprechen liegt Ausschluss. Eine „verkleidete“ Erwartung schließt den anderen aus und auf Dauer auch die eigenen Bedürfnisse.
- Die Konsequenz vorher zu nennen, ist Teil eines respektvollen Miteinanders. So kann der andere sich bewusst entscheiden, und beide bleiben verbunden.
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